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Boarding House | Roger Ballen
27.05.2010
Der Fotograf erinnert an eine Figur aus dem absurden Theater von Beckett: hager, von hochgeschossener Statur, schwarze Hose, weißer Strickpullover mit grobem Zopfmuster, dessen aggressiver Glanz einen hohen Anteil an Kunstfasern preisgibt. Seine Erscheinung entspricht so gar nicht dem Klischee jener Fotografen, die zwischen New York, Miami, Basel und Schanghai Furore machen - und dennoch hat Roger Ballen zahlreiche Preise gewonnen: der schmucklose Habitus dessen, der sich kafkaesk feingemacht hat - mit jener undefinierbaren Mischung aus Korrektheit und Resignation. Roger Ballen ist ein Meister der Inszenierung. Daß er diese Kunst bis zur letzten Konsequenz auch für seine eigene Person geltend macht, darf man getrost glauben.

Roger Ballen
© Roger Ballen Cut Loose 2005

Wild rollt er mit den Augen, so daß man für kurze Zeit das Weiße darin sieht. Er richtet seinen Blick auf sein Gegenüber aus - und schweigt. Das Warten auf eine Antwort von ihm gleicht dem Warten auf Godot. "Sie haben recht!", sagt er nach einem endlosen Augenblick mit leiser Stimme. "Nichts ist zufällig an dem, was ich mache. Jedes Bild ist durchdacht bis ins Detail - und jedes noch so kleine Element ist wichtig."

Roger Ballen
© Roger Ballen Sliced 2007

Nach 'Outland' und 'Shadow Chamber' legt Ballen mit 'Boarding House' erneut eine monolithische Bildserie vor. Dieses Konvolut mit 67 Schwarzweiß-Aufnahmen gibt einen verstörenden Einblick in die psychologischen Studien des Fotografen. Boarding House steht für einen Ort des Kommens und Gehens - ein surreales Set. Ballen: "Es ist schwer diesen Ort genau zu definieren, denn ich glaube, daß er so oder so ähnlich in jedem von uns steckt." Im Gegensatz zu seinen früheren Arbeiten stehen gezeichnete und skulpturale Elemente stärker im Vordergrund. Auch das Zusammenspiel von Künstler und Modell scheint ein kunstvolles Eigenleben zu haben.

Roger Ballen
© Roger Ballen Fragments, 2005

Geboren in New York, lebt Ballen seit 30 Jahren in Südafrika. "Als Weißer war ich, wie meine Kollegen im Institut, lange Nutznießer der Apartheid. Obwohl ich hier einer Minderheit angehöre und quasi Ausländer bin. Allein, weil ich weiß war. Das System hat mich begünstigt. Seit der Auflösung der Apartheid studiere ich, wie sich die politische Wandlung auf mich und die Leute in meiner Umgebung auswirkt. Viele Aufnahmen sind entstanden bei den Angestellten des Institutes, in dem ich arbeite. Ich fülle einen Sack mit meinen Requisiten, klingele einfach spontan an ihrer Wohnungstür und frage, ob ich bei Ihnen im Wohnzimmer fotografieren darf?"

Eher ungern redet der Fotograf über sein Werk: "Ich dringe in Zonen des Alltags der weißen Unterschicht vor, deren aktuelle Lage sich besser in Grauwerten beschreiben läßt." Im Brotberuf hat der Geologe Ballen ganz Afrika bereist und dem Gestein des Kontinents Proben entnommen. Über sein Werk sagt er: "Meine Fotografien sind Reportagen über ein bestimmtes Lebensgefühl." Tatsächlich wohnt der an Arbus und Witkin geschulte Ballen in Parktown, einem Vorort von Johannesburg - Heimat des, wie er sagt, "White Trash".

Roger Ballen
© Roger Ballen Washing Line 2007

Der Stadtführer weiß von properen Siedlungen, die an Amerikas Suburbs erinnern. Hinter hohen Mauern verstecken sich Luxusvillen, die Straßen wirken sauber geleckt. Schwarze, die sich hierher verirren, gelten eher als verdächtig. Wer hier wohnt, ist alles andere als White Trash. Hat Roger Ballen uns eine falsche Fährte gelegt? Einmal mehr gibt der Seelen-Geologe bleibende Rätsel als Antwort.

Die Galerie
. Klaus Kleinschmidt, Jahrgang 1959, brennt für die Fotografie in besonderer Weise. Der gebürtige Berliner und heutige Wahlhesse engagiert sich für Fotokunst. Mit etwa 30 Ausstellungen im Jahr bringt er sie auf Temperatur. Seine Galerie photonet in Wiesbaden ist ein "Durchlauferhitzer" für rare Fotokunst – sein Inhaber, wie er sich unwidersprochen nennen ließ: 'ein Trüffelschwein'. Als Querdenker mit Medienzugang schrieb der einstige Fotokritiker für Blätter wie FAZ, FOCUS, G+J, NZZ und Vogue – immer über Fotografie und Fotokunst. Nach zwölf Jahren Redaktionsarbeit wechselte er die Seiten. Im Jahr 1999 betrieb er – lange bevor andere die Idee kopierten – die erste Galerie im Presseformat: Edition BIZZ. Für das junge Business-Blatt kam das Aus – doch dafür fing mit photonet alles erst richtig an. Heute kümmert sich photonet – neben einer Handvoll Galerien im Land – mit Erfolg um die Wertanlage Fotokunst. Designers Digest

galerie photonet, Dr. Klaus Kleinschmidt, Taunusstraße 43, 65183 Wiesbaden 
Ausstellungsdauer: 29.05. - 28.07.2010
Öffnungszeiten: Mo - Fr 13.00 - 18.00 Uhr, Samstag nach Vereinbarung
 

 

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Erscheinungsdatum:
Ausgabe No. 17 | 18:
02.09.2010
Anzeigenschluss :
für Ausgabe No. 19-2010
08.09.2010 | 12.00 Uhr
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