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Fotoprojekt Emscher Zukunft 2010
03.05.2010
Eine große Rauminstallation aus 45 großformatigen Kuben an Metallschnüren überspannt den Pumpenraum im Dortmunder Pumpwerk Evinger Bach. Die Halle ist von gigantischen Rohren durchzogen, schmale Gehsteige führen durch das Rohrgewirr. Auf den Kuben sind die Fotoarbeiten der diesjährigen Preisträger des Fotoprojekt Emscher Zukunft angebracht. Um die schwebenden Fotoserien zum Thema „Us/Them – Nähe und Distanz“ betrachten zu können, müssen die Besucher ihren Standpunkt wechseln, ihre Perspektive verändern.

Emschergenossenschaft
© Emschergenossenschaft

Auch zum Wandel der Emscher-Region kann man vielfältige Perspektiven einnehmen: Ist man eher außenstehender Beobachter oder involvierter Anwohner? Die fünf Fotoserien und zwei Konzeptideen, die am 29. April auf der feierlichen Preisverleihung ausgezeichnet wurden, nehmen jeweils ganz unterschiedliche Positionen ein. Prämiert wurden: „Sunday Morning“ von Daniel Hofer, Berlin, „Lärmschutzwände an der A40“ von Hendrik Lietmann, Berlin, „Diffuse Vertrautheit“ von Daniel Müller Jansen, Hamburg/Bremen, „Vortrieb“ von Christian Diehl, Dortmund, „Heimatgeschichten – Homestories“ von Tania Reinicke, Dortmund und Ekkehart Bussenius, Dortmund, sowie die Konzeptideen, die im Folgenden realisiert werden: „Ansonsten abhängen“ von Benjamin Zibner, Hamburg, „Transiträume im Ruhrgebiet – Paradoxie zwischen Nähe und Distanz“ von Benito Barajas, Dortmund.

© Christian Diehl,
© Christian Diehl, aus der Fotoserie „Vortrieb“

Unter Beteiligung eines großen Publikums wurde die fünfte Ausstellung des Bridges Fotoprojekt Emscher Zukunft eröffnet. Zu sehen sind die fünf prämierten Bildserien der diesjährigen Preisträger sowie die umgesetzten Konzeptideen zum Thema „Destroy/Create“: „Formation/Konstruktion“ von Nicolas Wollnik und „Migrantengärten – Industriewälder“ von Tomek Mzyk, die im letzten Jahr zur Umsetzung gefördert wurden.

„Seit der Gründung der Emschergenossenschaft 1899 haben wir unser eigenes fotografisches Archiv kontinuierlich fortentwickelt. Das hat uns gelehrt, dass Fotografie nicht nur in der Dokumentation des wasserwirtschaftlichen Wandels eine Rolle spielt. Fotografie kann im Rahmen der Regionalplanung relevante Themen identifizieren und auf sie fokussieren. Sie liefert einen emotionaleren Zugang zu ausgewählten planerischen Einzelaspekten oder auch zu komplexen Planungsprozessen – und gibt damit Impulse für neue Ideen und mögliche andere Wege in der regionalen Entwicklung“, sagt Dr. Jochen Stemplewski, Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft, „das Bridges Fotoprojekt bietet eine ideale Plattform für den interdisziplinären Dialog zwischen Fotografie und Planung.“ 

 © Daniel Hofer©  Daniel Hofer
© Daniel Hofer, aus der Fotoserie „Sunday Morning“

Mario Lombardo, Kurator der Ausstellung: „Die vielseitige und spielerische Beweglichkeit der installativen Konzeption hat den großen Reiz, das Ausstellungsthema „Us/Them“ als ganzes Universum erfahrbar zu machen, in dem die im Raum schwebenden Kuben wie Planeten miteinander und mit der gesamten Raumarchitektur in Beziehung gesetzt werden. So kommunizieren über einander zugewandte Bildflächen die Bildserien miteinander – der Raum, mit seinen mächtigen Pumpen bildet in diesem Universum den Nukleus des industriellen Emschertals. Er steht zugleich in spannungsvoller Beziehung zu den Einzelbildern, die wie Fenster einen subjektiven und emotionalen Ausblick in die facettenreiche, vielseitige und multilinguale Region bieten.“ Eine klassische Hängung der prämierten Fotoserien in verkleinertem Format ist in einer ehemaligen Werkstatt des Pumpwerks untergebracht. Dies ermöglicht den Besuchern, die Bildserien auch in ihrer Ganzheit wahrzunehmen.

Das Bridges Fotoprojekt Emscher Zukunft der Emschergenossenschaft, das sich mit dem Emscher-Umbau und der Umstrukturierung der Region künstlerisch auseinandersetzt, findet bereits zum fünften Mal statt. Es ist mit insgesamt 20.000,- Euro dotiert. Die fünf prämierten Fotoserien wurden zu gleichen Teilen mit insgesamt 15.000,- Euro bedacht, die zwei Konzeptideen sind mit insgesamt 5000,- Euro dotiert.


© Hendrik  Lietmann
© Hendrik Lietmann, aus der Fotoserie „Lärmschutzwände an der A40“

Die Perspektiven, die die Künstler in ihren Arbeiten einnehmen, unterscheiden sich zwar stark voneinander, Grundtenor aller Arbeiten ist jedoch der Strukturwandel und der Umgang mit diesem. Die Annäherungen reichen von dokumentarischen bis hin zu künstlerisch-abstrakten Herangehensweisen.

So hält Christian Diehl in seiner Fotoserie „Vortrieb“ das Voranschreiten des Abwasserkanals fest, stellt die mit Staub und Dreck bedeckte Technik in den Vordergrund und die Tunnelbauer, die in der Dunkelheit zielgenau den regenwurmähnlichen Kanal unter den Wohngebieten und den Autobahnen durch das Erdreich fräsen.

Daniel Hofer hingegen dokumentiert in seiner Fotoserie „Sunday Morning“ Gemeindemitglieder einer ghanaischen Pfingstgemeinde, die sich im Industriegebiet, auf dem ehemaligen Gelände eines Bergbauzulieferers, allsonntaglich zu ihren Bibeltreffen und Gottesdiensten versammeln: Bunte Gewänder und hübsch zurechtgemachte Kinder dominieren die Aufnahmen des in Berlin tätigen Düsseldorfers.

Hendrik Lietmann nimmt die Erneuerung der Lärmschutzwände zwischen Wattenscheid und Dortmund zum Anlass für seine Fotoserie „Lärmschutzwände an der A40“. Der Fotograf sucht gezielt die Lücken im Kontinuum der Wände, um das Dahinter wie ein bühnenartiges Bild – mit der Mauer als Vorhang – aufzuzeigen.

Das Fotografenduo Tania Reinicke & Ekkehart Bussenius setzen sich mit Jugendlichen aus Dortmund und der serbischen Partnerstadt Novi Sad und deren Beziehung zum Begriff „Heimat“ auseinander. Ihre Fotoserie „Heimatgeschichten – Homestories“ arbeitet die Ähnlichkeiten des Heimatbegriffs der jungen Erwachsenen fotografisch heraus, der in Novi Sad durch den jahrelangen Krieg, in Dortmund durch einen umfassenden Strukturwandel geprägt ist, sodass nicht mehr unterschieden werden kann, welche der Fotografien in Dortmund und welche in der knapp 1500 Kilometer entfernten Partnerstadt entstanden sind.

© Tania  Reinicke & Ekkehart Bussenius
© Tania Reinicke & Ekkehart Bussenius, aus der Fotoserie „Heimatgeschichten – Homestories“ 

Daniel Müller Jansen führt in seiner Serie „Diffuse Vertrautheit“ zwei unterschiedliche Stadtlandschaften zusammen: Industriekomplexe und Wohngebiete entlang der Emscherperipherie. Die Industrie tritt diffus und verschwommen in den Bildhintergrund und lässt der realen und lebendigen Wohngegend den Vorrang. Wie eine allgegenwärtige und doch blasse Erinnerung wirkt die Industrie in Müller Jansens Fotografien.

Außer den Bildserien wurden zwei Konzeptideen ausgezeichnet, die nun umgesetzt werden und im Rahmen einer kommenden Ausstellung des Bridges Fotoprojekt Emscher Zukunft ausgestellt werden: Benjamin Zibners Bildkonzept „Ansonsten abhängen“ befasst sich mit dem Moment des Übergangs von der Adoleszenz hin zum Erwachsensein. Im Mittelpunkt stehen Gestik, Ausdrücke, spezifischen Handlungen und der bestimmte Habitus den Jugendliche – vorwiegend in der Zeit des Übergangs – an den Tag legen. In diesem Prozess der Indentitätsfindung und der Reifung der Persönlichkeit sieht Zibner die Parallelen zur Umstrukturierung der Emscherregion: Für beide Protagonisten gilt es, sich neu zu definieren.

Auch Benito Barajas fasst in seinem Bildkonzept das Thema des diesjährigen Fotoprojekts auf: „Transiträume im Ruhrgebiet – Paradoxie zwischen Nähe und Distanz“. Ein und dasselbe Objekt erscheint durch seine Linse nah und vertraut, um in einer weiteren Fotografie kalt, distanziert und leblos zu erscheinen. das Spiel mit Nähe und Distanz bezieht er dabei auf Alltagsräume und Passagen. 

Die inzwischen fertig umgesetzten Bildkonzepte des Bridges Fotoprojekt Emscher Zukunft 2009 zum Thema „Destroy/Create“ sind 2010 in die Sammlung des Fotoprojekts aufgenommen worden und im Rahmen der diesjährigen Ausstellung im Pumpwerk ebenfalls zu sehen: Prämiert war Nicolas Wollnik mit seinem Konzept „Formation/Konstruktion“ und Tomek Mzyks „Migrantengärten – Industriewälder“.

Pumpwerk Evinger Bach, Beethovenstraße, 44145 Dortmund
Ausstellungsdauer: bis 26. September 2010 
Öffnungszeiten: Sa 14-18, So 12-17 Uhr

Das Copyright der prämierten Künstlerarbeiten liegt bei den jeweiligen Künstlern. Das Copyright der Ausstellungsfotos liegt bei der  Emschergenossenschaft.