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Gerda Taro. Krieg im Fokus | Gerda Taro. Krieg im Fokus |
| 18.03.2010 | |
Lange stand Gerda Taro im Schatten ihres Kollegen und Lebensgefährten Robert Capa.
Heute gilt sie als Pionierin der Kriegsfotografie. Die Jüdin Gerda Taro, 1910 in Stuttgart
geboren, war vor der existenziellen Bedrohung durch die Nationalsozialisten nach Paris
geflohen. Zusammen mit Capa brach sie 1936 nach Spanien auf, um über den Kampf der
Republikaner gegen Francos Faschisten zu berichten. Auf der Suche nach authentischen
Bildern entstanden zwischen August 1936 und Juli 1937 Aufnahmen, die das Leid, aber
auch das Leben der spanischen Bevölkerung in und mit dem Krieg aus beeindruckender
Nahsicht dokumentieren und einen neuen Weg in der Kriegsberichterstattung beschreiten.
Taro starb als erste Kriegsfotografin 1937 bei einem Unfall während eines Rückzugsgefechtes
in der Nähe von Brunete. Im Jahr ihres 100. Geburtstages zeigt das
Kunstmuseum Stuttgart als einzige Station in Deutschland die vom ICP New York zusammen
mit Taro-Biografin Irme Schaber konzipierte Retrospektive. Sie umfasst 85
Exponate und begleitende Materialien.![]() Gerda Taro: Robert Capa, Segovia Front, 1937 | International Center of Photography Der Erste Weltkrieg und die latent antijüdischen Ressentiments ihres kleinbürgerlichen Umfeldes prägen Kindheit und Jugend der 1910 in Stuttgart geborenen Gerda Taro. Die finanzielle Unterstützung einer Tante ermöglicht ihr eine moderne Erziehung. 1929 zieht die Familie nach Leipzig, um einen wirtschaftlichen Neuanfang zu wagen. Doch bereits vier Jahre später, mit Machtergreifung der Nationalsozialisten, muss Taro nach Frankreich emigrieren. Im linksintellektuellen Milieu von Paris wird aus der Emigrantin Gerta Pohorylle – so ihr Geburtsname – die Bildreporterin Gerda Taro. Durch die Arbeit in einer Bildagentur und private Kontakte zu Fotografen eignet sie sich das professionelle Handwerkszeug an, vom Umgang mit der Kamera und der Arbeit in der Dunkelkammer bis zur Vermarktung des fotografischen Materials. In dieser Zeit wird aus der privaten Liaison zwischen Gerta Pohorylle und André Friedmann die berufliche Verbindung Taro-Capa. Stand zunächst noch die Platzierung der ›Marke‹ Capa im Vordergrund, emanzipiert sich Gerda Taro im Laufe der nächsten Monate zu einer unter eigenem Namen arbeitenden Kriegsfotografin. Das Fotografenpaar kommt am 5. August 1936 in Barcelona an, als die Straßenschlachten und Barrikadenkämpfe zwischen rechten Putschisten und Republikanhängern bereits vorbei sind. Nur dem Umstand, dass zwei Tage nach Francos Putschversuch eine allgemeine Mobilmachung erfolgte und weite Teile der Bevölkerung sofort bewaffneten Widerstand geleistet hatten, ist es zu verdanken, dass nur ein Drittel des Landes in die Gewalt der Faschisten gelangt. In der Folge gerät der Spanische Bürgerkrieg zum Stellvertreterkrieg konkurrierender Ideologien und Weltbilder und gilt als erster wirklicher Medienkrieg in der Geschichte der Kriegsfotografie. Beide Lager bedienen sich von Anfang an der internationalen Illustriertenmagazine und parteinahen Presseorgane, um ›ihren Krieg‹ in der Öffentlichkeit zum ›gerechten Krieg‹ zu stilisieren. Technische Innovationen wie die handliche Kleinbildkamera und die Vertriebsstrukturen einer sich rasant verändernden Medienlandschaft leisten dieser Entwicklung Vorschub. Der investigative Bildjournalismus nimmt hier seinen Anfang. Der Fotograf dokumentiert nicht länger aus neutraler Distanz. Er wird zum teilnehmenden Berichterstatter: Politisch motiviert und moralisch überzeugt, nähert er sich dem Geschehen an vorderster Front, dokumentiert aus der Perspektive des Soldaten. ![]() Cornell Capa: Gerda Taro mit republikanischem Soldaten, Córdoba-Front, Spanien 1936 | International Center of Photography Aufnahmen, die unter Einsatz des eigenen Lebens entstehen, bürgen für Authentizität, befriedigen gleichzeitig aber auch das wachsende Sensationsbedürfnis einer in Millionenauflagen erscheinenden Tages- und Illustriertenpresse: Combatfotografie. Viele jener Journalisten und Foto3 grafen, die sich einer ›teilnehmenden Kriegsberichterstattung‹ verschreiben, stammen aus den Reihen der deutschen linken Exilgemeinde. Hatten sie in Deutschland den Widerstand kampflos aufgeben müssen, bietet sich ihnen hier die Chance durch ihre Berichterstattung die Weltöffentlichkeit zu mobilisieren und dem Antifaschismus zum Sieg zu verhelfen. Gerda Taro gehört zu ihnen. Taros Aufnahmen zeigen die Bewohner der katalanischen Hauptstadt, ›uniformiert‹ in Arbeiterhosen und Milizoverall (dem so genannten Mono Azul), bei ihrer Rückkehr in den Alltag: Paare im Café mit Gewehr in der Hand, Frauen beim Waffentraining am Strand oder Kinder in Milizkleidung, die auf verlassenen Barrikaden spielen. Der Ruf nach Revolution schwingt in diesen Bildern mit. Auch entlang der Aragonfront herrscht zu diesem Zeitpunkt weitgehend Waffenruhe. Auf den Fotografien von diesem Frontabschnitt sind Milizeinheiten zu sehen, die sich im Gelände üben, und Bauern beim Einbringen der Ernte. Mit dem Eingreifen italienischer und deutscher Truppen auf Seiten der Aufständischen verändert sich der Krieg und mit ihm die Bilder. Großflächige Bombardements ganzer Städte und die gezielten Angriffe auf die Zivilbevölkerung hinterlassen ein bisher nicht gekanntes Maß an Zerstörung. Das Elend der Flüchtlinge, Kampfgefechte, Verwundete und Tote bestimmen das Bild vom Krieg in der Öffentlichkeit. ![]() Fred Stein: Gerda Taro und Robert Capa, Paris 1935 | International Center of Photography Am 1. August 1937 geben tausende Menschen Gerda Taro auf dem Weg zu ihrer Grabstätte auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise das letzte Geleit. Die junge Fotoreporterin – sie wäre an diesem Augustsonntag 27 Jahre alt geworden – war wenige Tage zuvor als erste Kriegsfotografin an den Folgen eines Unfalls, der sich während eines Angriffes der deutschen Legion Condor auf die sich auflösenden Reihen der spanischen Volksarmee an der Brunetefront ereignete, in einem Hospital in der Nähe von Madrid gestorben. Mit ihrem Tod setzt in der linken Presse eine Stilisierung zur selbstlosen, sich aufopfernden Heldin ein, die in Erfüllung ihrer Pflicht, nämlich dem antifaschistischen Kampf, ihr Leben verlor – eine Jeanne d’Arc der französischen Volksfront. Trauerfeier und Begräbnis geraten zur politischen Demonstration. Eine sich in ideologischen Grabenkämpfen aufreibende französische Volksfront reiht sich in kollektiver Trauer geschlossen hinter den Sarg, demonstriert Einigkeit und Solidarität mit den spanisch-republikanischen Freiheitskämpfern. Doch bereits kurze Zeit später ist der Name Gerda Taro von den Titelseiten verschwunden, ebenso wie die Nachrichten aus Spanien. Neue Krisenherde und kriegerische Auseinandersetzungen rücken ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Viele Jahre stehen Taro und ihr fotografisches Werk im Schatten ihres Kollegen und Lebensgefährten Robert Capa. Dieser war inzwischen zu einem der berühmtesten Kriegsfotografen der Welt geworden und lieferte weiterhin spektakuläre Fotos aus den Krisengebieten der Welt. Sein »Falling Soldier« wurde zu einer Ikone des Spanischen Bürgerkrieges und steht heute mehr denn je im Zentrum einer Diskussion zum Umgang mit Bildmedien und Authentizität innerhalb der Geschichte der Kriegsfotografie. Durch eine Umbenennung der Autorenschaft zu Gunsten von Robert Capa erfuhren Gerda Taros Arbeiten eine Aufwertung und waren weiterhin marktfähig. Zugleich aber verschwand Taro aus der kollektiven Erinnerung. Erst die Entdeckung zahlreicher Negative aus dem Spanischen Bürgerkrieg machten eine Neubewertung des Werkes möglich. ![]() Gerda Taro: Milizionärin beim Training am Strand, 1936 | International Center of Photography Knapp ein Jahr hatte Gerda Taro als Bildreporterin gearbeitet. Auf Grund neuerer Forschungen werden ihrem schmalen OEuvre heute weltweit wenige hundert Fotos zugeschrieben. Im Kunstmuseum Stuttgart sind davon 85 Werke und begleitende Materialien zu sehen. Das Ausstellungsprojekt in Stuttgart wurde von anderen Kulturinstituten mit hohem Interesse verfolgt und begleitet, was sich in einem in Kooperation mit der Württembergischen Landesbibliothek - Bibliothek für Zeitgeschichte, der Württembergischen Bibliotheksgesellschaft, der Stadtbücherei, dem Literaturhaus Stuttgart und dem Forum jüdischer Bildung und Kultur e.V. entwickelten Rahmenprogramm zur Ausstellung widerspiegelt. Parallel zur Ausstellung »Gerda Taro. Krieg im Fokus« zeigt das Kunstmuseum Werke auf Papier von Otto Dix, der sich wohl wie kein anderer Künstler der klassischen Moderne mit dem Thema Krieg auseinandergesetzt hat. Dix galt den Nationalsozialisten als »gemalte Wehrsabotage«, weil er in seinen Arbeiten die Grausamkeit und Entmenschlichung an der Front schonungslos darstellt. Zu sehen ist eine Mappe des Radierzyklus »Der Krieg« sowie selten gezeigte Zeichnungen der Zeit des Ersten Weltkrieges aus der Sammlung des Kunstmuseum Stuttgart. ![]() Unbekannter Fotograf: Gerda Taro, Guadalajara-Front, 1937 | International Center of Photography Die Ausstellung wurde vom International Center of Photography organisiert. Sie wurde durch die Alex Hillman Family Foundation, George und Bicky Kellner, The John and Annamaria Phillips Foundation und Cornell Capa ermöglicht und darüber hinaus von verschiedenen Stiftungen und Privatpersonen mit großzügigen Spenden unterstützt. Kunstmuseum Stuttgart, Kleiner Schlossplatz 1, 70173 Stuttgart Ausstellung: Gerda Taro. Krieg im Fokus bis 16. Mai 2010 Öffnungszeiten: Di, Do-So 10 – 18, Mi und Fr 10 – 21 Uhr, Mo Geschlossen Feiertagsregelung: Karfreitag geschlossen. An allen übrigen Feiertagen ist das Museum von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Dies gilt auch für Ostermontag und Pfingstmontag, Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können |
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| Anzeigenschluss : für Ausgabe No. 04-2012 08.02.2012 | 12.00 Uhr |
Erscheinungsdatum: Ausgabe No. 04-2012: 16.02.2012 |