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Erhaben über der Welt — Finanzmärkte
08.03.2010
... zwischen Realität und Simulation. Faszinierend, elementar, emotional – schon immer beeindruckten Bergpanoramen die Menschen, darunter viele Künstler. Der deutsche Fotokünstler Michael Najjar stellt in seinem Zyklus „high altitude“ ein einzigartiges visuelles Gleichnis zwischen Natur und Ökonomie auf, indem er die Leitindizes der weltweit wichtigsten Börsenplätze mit seinen gewaltigen Bergpanoramen verschmelzeClairefontainen lässt. Eine bildschöne Parabel aus Natur, Risiko und Katastrophe.

„Lehmann Brothers“ aus dem Zyklus „high altitude“
„Lehmann Brothers“ aus dem Zyklus „high altitude“, © Michael Najjar

Im Herbst vergangenen Jahres präsentierte Michael Najjar, bekannt für seine Visionen über eine durch Computer- und Informationstechnologie gesteuerte Gesellschaft, in der New Yorker Galerie bitforms seine neue Werkserie „high altitude“ erstmals in einer Solo Show. Noch bis zwölften März wird die Edition in Genf in der Galerie Guy Bärtschi gezeigt.

Die neun großformatigen Fotografien
visualisieren die Börsenentwicklung der bedeutendsten Leitindizes über die letzten 20 bis 30 Jahre anhand von eindrucksvollen Fels- und Bergformationen. Wie Blaupausen legt Michael Najjar prominente Aktienverläufe von beispielsweise Dow Jones, Hang Seng, Nikkei und Dax über die Gipfel, verändert den natürlichen Verlauf der Bergkuppen und paart damit die reine Naturschönheit mit der Entwicklung des weltweiten Finanzsystems. Wie auch in seinen früheren Werkgruppen („bionic angel“, „japanese style.“) verlötet Michael Najjar erneut mit großer Verve facts and fiction.

Die Grundlage der Arbeiten bilden Fotografien, die Michael Najjar während seiner dreiwöchigen Expedition auf dem Mount Aconcagua in den argentinischen Anden entstanden und dessen Gipfel er im Januar 2009 erklommen hat. Mit 6962 Metern ist er der höchste Berg der Welt außerhalb des Himalaya Gebirges. „Die Realität der Natur, z. B. der Lebensrhythmus eines Berges, ist mit menschlichen Maßstäben nicht mehr fassbar und wird somit zu einer virtuellen Erfahrung. Diese Erfahrung von Virtualität spiegelt sich auch in den internationalen Wirtschafts- und Finanzmärkten wieder. Unfassbare Geldmengen, die in Echtzeit um den Globus zirkulieren, übersteigen unser Vorstellungsvermögen“, sagt Michael Najjar.

In den Arbeiten Najjars geht es aber auch um das Sublime, das Erhabene, die Unbeschreiblichkeit eines Wahrnehmungsprozesses. Nach Edmund Burke ist das Erhabene Erstaunen und Erschauern zugleich. Das Gefühl der Sublimität begegnet uns im Leben, der Natur und ebenso in der Finanzwelt, wenn unsere herkömmlichen Erfahrungsmaßstäbe überschritten werden. Diese Erfahrung und Wahrnehmung von Erhabenheit spiegelt sich auch in den neuen Werken von Michael Najjar wider.

In der Kunstgeschichte ist der Berg ein konsequentes Motiv
, wobei es dabei nicht immer um die detailgetreue Abbildung geht. Der Früh-Romantiker Caspar David Friedrich zum Beispiel malte den Berg „Watzmann“, ohne ihn jemals selbst gesehen zu haben. Seine Werke sollten keine Abbilder der Natur sein, sie sollten das Unfassbare, das metaphysische Empfinden verdeutlichen. Aus wissenschaftlichem Interesse widmete sich Leonardo Da Vinci den Bergen, aufgrund ihrer atmosphärischen Möglichkeiten – der Unschärfe, diffuse Lichtverhältnisse – malte sie Gerhard Richter. Die Motive, die Michael Najjar wählte: mystisch anmutende Momente mit steinigen Felsplateaus, fragile Wolkenformationen, eisige Schneegipfel oder klare Augenblicke mit Bergketten vor einem eisblauen Himmel – aber immer mit dem zackenförmigen Verlauf der Bergsilhouette. Aktienkurse als ein in Stein gehauenes Monument, erhaben über der Welt.

„Die aktuelle Wirtschaftskrise hat eine wichtige Erkenntnis dramatisch vertieft, nämlich dass wir es oftmals nicht mehr mit realen Waren zu tun haben, sondern mit Signifikantenketten“, meint Michael Najjar. Das Irrationale, etwas, was unser Vorstellungsvermögen übersteigt, beeinflusst wiederum die Realität, unser tägliches Leben. Hier entsteht die Symbiose zwischen Realität und Virtualität. Die Aussagekraft von Bergen und Aktien zeigen einige Parallelen. Beide haben eine gewisse emotionale Kraft; sie können Glücksgefühle wecken (Besteigung des Gipfels, Gewinne bei Spekulationen), beide haben aber auch eine Risikokomponente (Verletzungen, Verluste). Existenzen können vernichtet werden. Das Motiv „Lehmann Brothers“ aus dem Zyklus „high altitude“ verdeutlicht am ehesten, das der Komplexitätsgrad unserer heutigen virtuellen Welt auch zum Systemabsturz führen kann. Der Verlauf steigt und steigt und endet abrupt – nur die Leere, eine schiefe Ebene des Bergplateaus, ist noch da.

Aktuelle Ausstellungen
bis 12. März 2010

Galerie Guy Bärtschi, 3a, rue du Vieux-Billard, 1205 Genève

18. März bis 15. Mai 2010
Galerie Clairefontaine, Luxemburg
 



 

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08.02.2012 | 12.00 Uhr

Erscheinungsdatum:
Ausgabe No. 04-2012:
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