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Lichttest – Der Masterstudiengang
15.09.2012
als Laboratorium für bildgestalterische Haltungen. In fotografischen Essays, Reportagen, Portraits und Installationen nähern sich vierzehn Fotografinnen und Fotografen des Masterstudienganges Photographic Studies der Fachhochschule Dortmund in unterschiedlicher subjektiv geprägter Form dem so vielseitigen Medium der Fotografie an. Der rote Faden ist die Auseinandersetzung mit dem Medium, das Ausloten seiner Grenzen, die Vermischung der Genres und die subjektive Haltung der FotografInnen.

© N. Woehrle
© N. Woehrle

In der heutigen Zeit mit einer zunehmenden Globalisierung der Welt und dem damit häufig verbundenen Identitätsverlust hat der Versuch Vorrang, neue, nicht austauschbare, persönlich geprägte Bildwelten zu schaffen. Das Konzept vom fotografischen Bild wird in den Arbeiten dieser Ausstellung sehr verschieden interpretiert und schwankt zwischen der Suche nach dem Authentischen auf der einen Seite und dem Bewusstsein, dass im medialen Zeitalter jeder seine Identität selbst inszenieren muss, auf der anderen Seite. Somit ist keine einheitliche Definition vom Medium Fotografie möglich.

© E. Baales
© E. Baales

Viele der Arbeiten sind bewusst nicht fertig, sie entstehen. Das fördert den Dialog zwischen den ProduzentInnen und den BetrachterInnen. Frei nach dem Zitat von Günther Anders „Das Medium der Photographie ist als solches derart glaubwürdig, derart objektiv, dass es mehr Unwahrheiten absorbieren, sich mehr Lügen leisten kann als irgendein anderes Medium vor ihr“ – und genau das spielt Alexander Hagmann in seiner Fotoinstallation „schwarzer molton“ in nahezu allen Facetten durch. Ob reiner Bildinhalt, Ästhetik oder Fototechnik. Alles wird zur Täuschung genutzt und verarbeitet. Man kann sich nie sicher sein, dass das, was man sieht und zu erkennen glaubt, nicht vielleicht doch zu einen Trugschluss führt. Doch gibt der Fotograf innerhalb der Arbeit dem Betrachter die Möglichkeit, in Teilen zu erkennen, welchem Trugschluss man aufgesessen ist.

© M. Koehler
© M. Koehler

Hanna Becker stellt mit ihrer fotografischen Arbeit fireworks and the sound of the sea die Frage nach dem Verlust des Menschseins. Unsere menschliche Existenz hängt im übertragenen Sinn an einem seidenen Faden. Plötzlich kann sie aus dem Gleichgewicht geraten und eine absonderliche Wendung nehmen, sodass uns die Kontrolle entgleitet. Aber welche Momente machen das Leben lebenswert, was macht uns zu einem menschlichen Wesen? Für Hanna Becker ist es eine kindliche Neugier. Ein Zustand, der es dem Menschen ermöglicht, jeden noch so banalen Gegenstand, jede Routine immer wieder mit der gleichen Überraschung zu betrachten, als wäre es das erste Mal. Ihre gefunden und selbst fotografierten Farbaufnahmen versuchen diesen Zustand zu reproduzieren, seien es nun Porzellanpferde, die in Ebay-Auktionen verkauft werden oder sich wiederholende Bilder von ins Nichts führenden Straßenzügen.

© M. Weigl
© M. Weigl

Für Juliane Herrmann sind es vorrangig die kleinen Unterschiede, die in ihrem Interesse stehen. Sie nähert sich in ihrer dokumentarischen Arbeit Den Haag mit liebe- und humorvoller Verwunderung der Regierungsstadt unseres Nachbarlandes. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Abenteuer vor der Haustür wartet. Eine Kuh steht auf der Straße vor einem Parkhaus, junge Männer marschieren in ihrer Alltagskleidung in einem Industriegebiet und die Bananenverkäuferin verschwindet geradezu hinter den sorgsam aufgestapelten Südfrüchten.

© E. Szekely
© E. Szekely

Die Journalistin Annette Birschel schreibt in ihrem Essay zu der Arbeit: „Schon der offizielle Name der Stadt verwirrt: ‚s-Gravenhage. Der Wald des Grafen. Ach, das hätten sie gerne die Hagenaars. Die Allüre des Adels, die Dramatik hoher Bäume. Ein Wald, in dem die Grafen hoch zu Ross auf edle Hirsche jagen und die Damen in lauschigen Ecken lustwandeln und kokett das Sonnenschirmchen drehen. Doch ‚s-Gravenhage steht nur noch im Pass. Sonst heißt es kurz Den Haag, die Hecke. Der „Lustwald der Grafen ist in Wahrheit der sauber geharkte Vorgarten eines Reihenhäuschens, so romantisch wie ein Heißwasserboiler. Hier atmet alles Ordnung und Sittsamkeit. (...)“ Juliane Hermann hat hinter die „Haager Hecke“ geschaut und die niederländischen Befindlichkeiten ans Tageslicht gebracht.

Das fotografische Essay „Granitseika“ von Philip Kistner ist ein Gegenentwurf zum einheitlichen Griechenlandbild in den Massenmedien. Die Arbeit zeigt ein konzentriertes Portrait des griechischen Landlebens, abseits gewohnter Interpretationsmuster. Die Verwendung von historischen Bildern in Kombination mit aktuellen Aufnahmen zeigt nicht nur die sichtbare Veränderung über die Jahrzehnte, die sich in der Mode, der Farbgebung und dem Design von Alltagsgegenständen manifestiert, sondern sie legt auch die soziologischen und psychologischen Spuren menschlicher Entwicklung frei. Kistner erforscht nicht nur seine unmittelbare Vergangenheit als Kind einer griechischen Mutter, sondern er bringt uns eine Kultur näher.

© A. Hagmann
© A. Hagmann

Die massiven Veränderungen in den westlichen Gesellschaften z. B. in der Arbeitswelt führen dazu, dass vermehrt Ängste, Überforderungen und psychologische Störungen auftreten. Die Conditio Humana wird neu definiert. Marie Köhler stellt in ihrer noch nicht benannten Arbeit die Sinnfragen der Menschheit in den Mittelpunkt. Wer sind wir? Warum sind wir hier? Sie interviewt Personen aus ihrem Umfeld zum Sinn des Lebens: lässt sich Ängste und Wunschträume detailliert berichten. Zu diesen Interviews entwickelt Marie Köhler Bilder, Videos und Installationen. Sie möchte hierbei Grenzen überschreiten und dem Betrachter schonungslos mit dem labilen Zustand unserer Gesellschaft konfrontieren.

Zuckerblau sind oft die Wände in den post-sowjetischen, systematisch durchnummerierten Amtstuben, Schulen, Kranken- und Waisenhäusern. Die Kollektivierung des Menschen war Motiv für die sowjetischen Machthaber selbst Räume gleichzuschalten. Durch die Zeit nachgedunkelte Pastelltöne wie Zuckerblau, Himbeerrot und Wiesengrün dominieren die Farbgebung in der Reportage Zuckerblau über die Lebenssituation von Waisenkindern im Putin-Land. Svetlana Mychkine stellt die Kinder als Individuen in den Mittelpunkt. Ihr unbändiger Wille in ihrer standardisierten Umwelt eine Kindheit und Jugend zu erleben, ist das Leitmotiv der Bilder, welche einfühlsam den Alltag der Kinder schildern.

Was ist schön? Was nicht? Diese einfache und zugleich schwer zu beantwortende Frage stellt sich Heide Prange in ihrer Arbeit „Die Frau mit dem Fleck im Gesicht“. Sie stellt dabei Menschen in den Mittelpunkt, die sich durch körperliche Besonderheiten auszeichnen, die durch ein sichtbares „Anders-Sein“ geprägt sind. Auffälligkeiten bestimmen oft die Identität einer Person – zumindest, wenn es um den Blick von außen geht, der an einer körperlichen Auffälligkeit hängen bleibt. Ein fragender Blick kann das sein oder ein abgrenzender Blick: es ist der Blick des Betrachters. Welche Normvorstellung, welches Bild von „Schönheit“ dahinter steckt, das versucht Heide Prange zu erarbeiten. Wichtig für sie ist dabei, nicht vorschnell zu kategorisieren, und das Andere nicht gleich als etwas Unschönes abzustempeln – sondern es als etwas Besonderes wahrzunehmen und das auch stehenzulassen.

Alena Schmick widmet sich ihrer eigenen Vergangenheit – genauer gesagt: dem eigenen Heranwachsen in der Vorstadt. „I Bit My Tongue and Stood In Line“: Das sind drei Serien mit gegensätzlichen Stimmungen, die sie dazu fotografiert hat: in der ersten geht es um die „Prom Queen“, die Ballkönigin – oder den Wunsch der Schülerin, eine Nacht lang die Beliebteste zu sein. Eine Projektion. Die zweite Serie thematisiert das Thema Rebellion: Hier geht es nicht mehr um das Beliebtsein, sondern um den eigenen Weg, die Suche danach, inszeniert im nächtlichen Bild der Großstadt. Teil drei ist der Rückzug in die Intimität, in eine Innerlichkeit, die frei ist vom Druck der Medien und der Gesellschaft. Zugleich findet sich hier eine verführerische Unschuld, eine erwachende Sexualität. Eine Frau über ihren Weg durch die Adoleszenz: das zeigen die Bilder von Alena Schmick.

Ganz andere Gedanken beschäftigen Marcus Simaitis: Seine fotografische Welt führt uns nach Berg-Karabach, das völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört, um das aber Armenien und Aserbaidschan seit 1917 kämpfen. Die Hauptstadt Stepanakert wird dominiert durch Bauten aus der Sowjet-Zeit – mitsamt Einschusslöchern, die sinnbildlich wie Narben das Stadtbild prägen. Simaitis nennt seine Arbeit „Stell dir vor, du bist in einem Land, das es in Wirklichkeit nicht gibt“. Das ist Berg-Karabach: Ein Land ohne Ressourcen, mit armenischer Bevölkerung, auf aserbaidschanischem Staatsgebiet. Droht hier ein neuer Krieg? Und: Wie soll man hier etwas aufbauen, wenn die Angst herrscht, dass es in einigen Jahren doch wieder dem Erdboden gleichgemacht wird?

Idyllisch wirken dagegen die Landschaften von Ladislau-Eduarth Szekely – es sind schneebedeckte Berge, unberührte Gewässer, ohne Leben, ohne Vegetation. So führt der Weg des Betrachters rasch auf die Ebene der Struktur, der Formation von Landschaft – und geradewegs in die Medientheorie hinein. „White Noise“ heißt Szekelys Konzept, basierend auf einem Begriff aus der Akustik, einem Rauschen: „Die Landschaften dieser Arbeit basieren mathematisch gesehen auch auf generativen Rausch-Algorithmen, die durch gezielte Materialvergabe und Lichtsetzung, mittels eines 3D-Programms, zu fotorealistischen Täuschungen von Naturformationen verwandelt werden.“ Anders gesagt: Ästhetik trifft auf Mathematik.

Fragmente, Andeutungen, Deformationen, Auflösungen, Metamorphosen: Marina Weigl nennt ihr Projekt „from off to on“ und widmet sich ausdrücklich dem Unfertigen. Sie inszeniert ihre eigene Vorstellung von Realität, zum Beispiel durch das partielle Beleuchten von Körperteilen im abgedunkelten Raum. Bewusst baut sie Fehler ein, etwa durch Mehrfachbelichtung auf analogem Filmmaterial. Hinter all dem beschäftigt und treibt sie eine Frage: Was will ich eigentlich darstellen? „Ich werde zum Beobachter meiner eigenen Einbildung und erschaffe Licht, Farben, Formen und Körper. Nichts davon ist genau definierbar.“ Geht es also noch um Logik und Vernunft? Geht es um Antworten, und wenn ja: Wie lautet die Frage?

Die Traumfabrik der USA: In der Arbeit Neongrey von Nico Wöhrle wird Los Angeles zur Projektionsfläche der Glück-Suchenden aus aller Welt. Beinahe-Schauspieler, Straßen- und Lebenskünstler sind die Darsteller auf seiner Bühne der Selbstverwirklichung. Leere Hinterhöfe, vereinzelte Palmen und vergessene Traumautos sind die Requisiten der melancholischen Bilder. Neongrey zeigt das L.A. der Vororte, derer, die es nicht geschafft haben. Ein älterer Elvis steht vor einer Vorort-Hausfassade, die Gitarre in der Hand, ein Bein auf einer rosa Bank, schaut er fragend in die Kamera. Sein Gesichtsausdruck hat nichts Triumphierendes, kein Hollywoodlächeln, der rote Teppich auf dem er steht, ist von Wind und Wetter ausgebleicht. In solchen Bildern überdeckt die Wirklichkeit das Klischee und zeigt dem Betrachter ein unerwartetes Bild dieser Welthauptstadt der Selbstdarstellung.

Lichttest: Eine Ausstellung, die sich den wesentlichen Fragen und Themen der gegenwärtigen Fotografie widmet. Es geht um das Menschsein, um das Leben in der Großstadt – im In- und Ausland – und nicht zuletzt um die Frage nach dem Medium selbst. Was kann, was soll Fotografie darstellen – und was nicht?

Lichttest – Ausstellung mit Arbeiten aus der Masterklasse Fotografie der FH-Dortmund. Mit Arbeiten von Alena Schmick, Alexander Hagmann, Edi Szekely, Eva Baales, Hanna Becker, Heide Prange, Juliane Herrmann, Katja Vogel, Marcus Simaitis, Marie Köhler, Marina Weigl, NicoWöhrle, Philip Kistner, Svetlana Mychkine. Aktuelle Informationen unter www.lichttest-ausstellung.de.

Altes Pfandhaus GmbH, Karthäuserwall 20, 50678 Köln
Vernissage und Party: 18. September 2012, ab 18 Uhr
Ausstellungsdauer: 18. bis 23. September
Öffnungszeiten: täglich von 12 Uhr bis 19 Uhr
 
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23.05.2013
Anzeigenschluss :
für Ausgabe No. 11-2013
29.05.2013 | 12.00 Uhr
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