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Fotos müssen ehrlich sein
29.01.2012
Timm Rautert (Jahrgang 1941), einer der bekanntesten deutschen Künstler im Bereich sozialkritische Fotografie, spricht im Rahmen des bundesweiten Fotowettbewerbes OBJEKTIV 50 über Arbeit, Alter, den Wettbewerb und über einen neuen Begriff für digitale Fotografie.

Timm Rautert
Timm Rautert

Timm Rautert gehört zu den renommiertesten Künstlern im Bereich sozialkritische Fotografie und wurde 2008 als erster Fotograf mit dem Lovis Corinth Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Er wurde 1941 geboren und lehrte von 1993 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 als Professor für Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst/Academy of Visual Arts in Leipzig. Im aktuellen Fotowettbewerb „OBJEKTIV 50“ des Bundesprogramms „Perspektive 50plus“ vom Bundesministeriums für Arbeit und Soziales gehört Rautert der dreiköpfigen Jury an. Martina Klemkow sprach mit dem Künstler über den Wettbewerb, seinen eigenen Blick auf Alter und Arbeit sowie über die Qualität der bislang eingereichten Beiträge.

Martina Klemkow:
Welchen persönlichen oder künstlerischen Zugang hatten Sie bislang zum Thema Alter und Arbeit, respektive zu Thema Erwerbstätigkeit 50plus? Oder anders gefragt: Fühlen Sie sich dem Thema nah?

Timm Rautert:
Ich habe mich fotografisch schon immer mit dem Motiv „Arbeit“ auseinandergesetzt, das ist gewissermaßen mein Lebensthema. Das Zusammenwirken von Arbeit und Alter hat mich allerdings noch nicht beschäftigt. Aber was soll ich sagen, ich bin selbst in diesem Jahr siebzig geworden und arbeite immer noch. Auch wenn das Fotografieren oder eine geistige Tätigkeit sicher nicht mit körperlich harter Arbeit, zum Beispiel auf dem Bau, vergleichbar ist. Mit 65 bin ich in den Ruhestand gegangen ... Dafür habe ich jetzt wieder mehr Zeit zum Fotografieren. Das musste ich wegen der Dozententätigkeit etwas zurückstellen. Grundsätzlich spielt meine eigene Lebenserfahrung für den Umgang mit dem Thema sicher eine Rolle.

Martina Klemkow: Spüren Sie selbst einen Unterschied in Ihrer Arbeitsweise bzw. Arbeitsform im Vergleich zu früheren Jahren?

Timm Rautert: Natürlich, jetzt bin ich weiser, nicht mehr so nah dran. Die Naivität der Auffassung, die ich in jungen Jahren hatte, ist nicht mehr möglich. Auch wähle ich Fotothemen, mit denen ich mich früher nicht befasst hätte. Zum Beispiel begleite ich seit 2007 junge Familien bzw. Paare, die sich entschlossen haben, gemeinsam Kinder großzuziehen. Das wäre nicht möglich gewesen als ich selbst in dem Alter war, weil es mich damals zu sehr berührt hätte. Heute habe ich eine gewisse Distanz, einen Blick von außen, der souveräner ist. Meine Perspektive ist anders. Der Betrachter nimmt das womöglich gar nicht wahr, denn meinen ästhetischen Mitteln oder Arbeitsmethoden bin ich treu geblieben, auch der analogen Kamera. Doch sehe ich jetzt anders.

Martina Klemkow: Was können solche Wettbewerbe leisten, wenn es um das Aufbrechen tradierter Vorstellungen und Bilder geht?

Timm Rautert:
Das vermag ich nicht zu sagen. Aber vielleicht könnte man durch den Wettbewerb einen neuen Namen für „Fotografie“ finden, die im digitalen Bereich ja eigentlich keine mehr ist. Denn genau genommen bedeutet das Wort so viel wie „mit Licht schreiben/zeichnen“. Hingegen gleicht der Prozess der digitalen Fotografie eher der „Vermessung von Licht“.

Martina Klemkow:
Wie schätzen Sie den bisherigen Verlauf des Wettbewerbs sowie die Einsendungen ein?

Timm Rautert:
Ich denke, dass OBJEKTIV 50 ein guter Start gelungen ist. Bei vergleichbaren Wettbewerben ist es oft so, dass sie erst gegen Ende richtig in Fahrt kommen. Das ist hier nicht der Fall.

Martina Klemkow:
Gibt es für Sie schon künstlerisch wertvolle Einreichungen und was machen solche aus?

Timm Rautert:
Man sieht schon, dass Potenzial vorhanden ist. Ich habe aber noch kein Bild gefunden, das ich favorisieren würde. Bisher sind die Fotos für mich noch zu nah am Thema, zu sehr mit Worten belegt und von außen bestimmt. Das Alter ist nicht einfach nur ein Prozess, der sich in Falten abbildet. Ich würde mir wünschen, dass die Teilnehmer freier mit dem Thema umgehen, mehr Distanz einnehmen. Auch dass man sich von gesehenen „Vorbildern“ emanzipiert und einen anderen Zugang findet als die „gemachte“ Welt. Das ist aber auch etwas, das sich im Lauf der Zeit und des Wettbewerbs entwickelt.

Martina Klemkow: Was sind für Sie als Jury-Mitglied wichtige Kriterien bei der anstehenden Bewertung der Fotos?

Timm Rautert:
Das Wichtigste ist für mich, ob ein Foto ehrlich ist. Ehrlich in dem Sinne, dass es für den spricht, der es gemacht hat. Es muss wahr sein und authentisch, einen Teil unserer Welt vermitteln. Somit ist ein gutes Bild auch immer zeitgenössisch. Fotografie selbst ist das Medium der Authentizität, ermöglicht einen authentischen Zugang zur Realität. Da ist es auch nicht entscheidend, ob ein professioneller oder ein Amateurfotograf am Werk war. Natürlich hat der ausgebildete Fotograf mehr Möglichkeiten. Dafür hofft man bei einem Laien immer, dass sich noch keine Routine festgesetzt hat.

Martina Klemkow: Haben Sie Tipps, wie man an als Fotograf an die Aufgabe herangehen könnte?

Timm Rautert:
Ich kann nur empfehlen, als Teilnehmer stark auf sich selbst zu schauen und ehrlich zu sich zu sein. Fotografen sollten mehr an das Medium glauben, statt im Nachhinein zu viel zu bearbeiten. Man sollte die Bilder vorher im Kopf entstehen und sich dann doch von der Wirklichkeit überraschen lassen. Sie fügt hinzu, was man nicht denken kann. – Und etwas Glück braucht es auch.

Martina Klemkow: Herr Rautert, vielen Dank für das Gespräch!

Über das Bundesprogramm „Perspektive 50plus“
„Perspektive 50plus – Beschäftigungspakte für Ältere in den Regionen“ ist ein Programm des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Es soll die Beschäftigungsfähigkeit und -chancen älterer Langzeitarbeitsloser verbessern. Das Bundesprogramm basiert auf einem regionalen Ansatz und wird von 78 regionalen Beschäftigungspakten unterstützt. Dieser Ansatz erlaubt es, gezielt auf die regionalen Besonderheiten einzugehen. www.perspektive50plus.de